Digitale Barrierefreiheit mit DACHS

26 Sep., 2026

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Ein Begriff wie „Digitale Barrierefreiheit“ lässt bei der ersten Begegnung häufig stutzen. Es drängt sich einem das mentale Bild von Rampen und Fahrstühlen auf – wie solle man diese im digitalen Raum aufstellen?

Was ist digitale Barrierefreiheit?

Natürlich ist allen klar, dass es sich hier um mehr handeln muss:

„Digitale Barrierefreiheit ist der maximale Grad der Nutzbarkeit eines digitalen Angebots durch so viele User:innen wie möglich.“
(Aydin 2021, S.7)

Der Begriff kann also vieles umfassen: Von Untertiteln in Videos über hohe Kontraste und Screenreader-Lesbarkeit in einem Dokument hin zur Übersetzung einer Website in mehrere Sprachen. Daraus schließt sich selbstverständlich, dass digitale Barrierefreiheit gerade in der digitalen Lehre ein zentrales Qualitätsmerkmal ist. Denn die höchstmögliche Zugänglichkeit von Bildung für so viele Menschen wie möglich ist einer der wichtigsten Grundpfeiler der Demokratie.

Was ist ein DACHS?

Doch der Bereich der physischen sowie psychischen und chronischen Beeinträchtigungen oder Erkrankungen ist vielfältig, komplex und gerade für Unbetroffene oft schwer greifbar (man könnte fast sagen: schwer zugänglich).

Ein Team der Universität Bielefeld hat es sich daher in einem dreijährigen Projekt zur Aufgabe gemacht, genau dieses Themenfeld und den dazu hilfreichen Perspektivwechsel für Lehrende so zugänglich wie möglich zu machen. Das Ergebnis:

„Digital Accessibility Checking and Simulation“ – oder kurz DACHS – ein interaktives Portal zur Sensibilisierung und Anleitung rund um das Thema Barrierefreiheit für die digitale Lehre.

Das Portal selbst ist bereits ein anschauliches Positivbeispiel für ein barrierearmes Design und wie dies allen Nutzer*innen zu Gute kommen kann.

Die gesamte Website ist ansprechend und übersichtlich gestaltet. Alle Elemente sind verständlich erklärt und zugleich intuitiv navigierbar. Oben rechts kann man zwischen Dark- und Light-Mode wechseln.

Die Startseite ist in 4 Bereiche aufgeteilt:

Simulieren, Sensibilisieren, Anleiten und Testen.

Simulieren

Der zunächst wohl spannendste und zugleich spielerischste Bereich ist „Simulieren“. Dort werden anhand eines Beispielkurses verschiedene Beeinträchtigungen audiovisuell dargestellt.

In der Leiste über dem Kurs kann man u.a. wählen aus:

Farbenblindheit

Das Kursfenster erscheint in Graustufen.

Tunnelblick

Alles außer ein kleiner Bereich um den Mauszeiger herum ist stark abgedunkelt. 

Tinnitus

Es öffnet sich ein Fenster mit einem Warnhinweis. Nachdem man dieses bestätigt, wird ein dauerndes Fiepen abgespielt.

Legasthenie

Die Buchstaben innerhalb der Wörter springen ununterbrochen hin und her. 

Tremor

Der Mauszeiger wackelt ununterbrochen hin und her. 

Paranoide Schizophrenie

Nichts für schwache Nerven…
Auch hier muss zunächst ein Warnhinweis bestätigt werden, bevor man flüsternde Stimmen hört und die Wörter im Text sich in Verfolgungsgedanken verwandeln.

Doch bevor man eine Simulation wählt, sind auf der rechten Seite einige wichtige Hinweise zu finden.

Denn es handelt sich hier um keine vollumfängliche Darstellung medizinisch kategorisierter Beeinträchtigungen, sondern eher um eine selektive Darstellung einzelner Aspekte dieser. Die gezeigte Auswahl möglicher auditiver, visueller und mentaler Barrieren beschränkt sich vor allem durch ihre technische Umsetzbarkeit, sowie auf den Kontext der digitalen Lehre. Sie kann eben nicht die tatsächlichen Lebensrealitäten von Betroffenen in all ihren Facetten, Überschneidungen und Umgangsstrategien wiedergeben.

Der Mehrwert dieses Bereiches besteht vor allem darin mögliche Barrieren von Studierenden für Lehrende aufzuzeigen und greifbarer zu machen oder zumindest eine theoretische Vorstellung dieser zu ermöglichen.
Idealerweise sorgen die Simulationen für einen Aha-Effekt, der im Hinterkopf behalten und zukünftig bereits bei der Konzeption von Lehrinhalten beachtet werden kann.

Der Beispielkurs selbst enthält bereits viele nützliche Informationen über beispielsweise die Funktionalität von Screenreadern und einige anschauliche Positiv- und Negativ-Beispiele für den Einsatz von u.a. Bildern, Hervorhebungen, Links und Tabellen. Es lohnt sich den Kurs zumindest zu überfliegen.

Insbesondere die Beispiele haben den doppelten Effekt, dass sie einerseits ein paar Best-Practices lehren und andererseits während der Simulationen veranschaulichen, warum diese so wichtig sind. In einigen Fällen wird es ohne sie nahezu unmöglich die Informationen sinnvoll aufzunehmen.

Auf der rechten Seite findet man nun neben einer genauen Beschreibung der Simulation auch allgemeines Grundlagenwissen zu den jeweiligen Beeinträchtigungen sowie deren Auswirkungen auf das Lernen in LMS-Kursen mit dazugehörigen Handlungsempfehlungen für Lehrende.

Sensibilisieren

Weiter geht es mit dem Bereich „Sensibilisieren“: Eine umfangreiche und strukturiert aufbereitete Sammlung an grundlegendem sowie weiterführendem Wissen zur persönlichen Weiterbildung. Diese Seite unterteilt sich wiederum in neun Abschnitte:

Assistenz & Hilfsmittel

Welche technischen und personellen Unterstützungen existieren allgemein und was bietet die Uni Bielefeld konkret an?

Beeinträchtigungen, chronische & psychische Erkrankungen

Eine kategorisierte Übersicht, jeweils mit allgemeinen Informationen, möglichen Barrieren, assistiven Technologien, Handlungsempfehlungen für Lehrende und natürlich ein Quellenverzeichnis.

Erfahrungsberichte

In verschiedenen Formaten berichten Studierende – fiktive und reale – von ihren Alltagen mit Beeinträchtigungen.

Glossar

Eine klassisch alphabetisch sortierte Liste mit Begriffsdefinitionen von A wie Ableismus bis Z wie Zwei-Sinne-Prinzip.

Modelle von Behinderung

Eine Übersicht über die Veranschaulichung verschiedener wissenschaftlicher Sichtweisen bzw. Einordnungen des Behinderungsbegriffs.

Nachteilsausgleiche

Konkrete Angebote der Uni Bieledeld

Rechtliche Bestimmungen

Ein Überblick über verschiedene Gesetzestexte mit Bezug auf Beeinträchtigungen, z.B. die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG).

Studienumgebung und Arbeitsräume der ZAB

Hier finden sich Angebote der Zentralen Anlaufstelle Barrierefreiheit an der Uni Bielefeld.

Zahlen & Daten

Ein paar Statistiken über Studierende mit Behinderungen in Deutschland.

Wenn Sie sich also schon immer einmal näher mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigen wollten, dann wissen Sie jetzt, wo Sie zuerst nachschauen können.

Anleiten

Um Ihre Materialien als Lehrperson bereits jetzt barrierefreier zu gestalten, finden Sie im Bereich „Anleiten“ einige Checklisten, Handlungsempfehlungen und Umsetzungshilfen.

Unterteilt in die Abschnitte

  • Digitale und E-Prüfungen,
  • Dokumente,
  • Kommunikation,
  • Lehre,
  • LMS und
  • Videos,

können Sie sich die entsprechenden Informationen im Portal selbst durchlesen oder vereinzelt als PDF-Dateien herunterladen.

Schauen Sie sich beispielsweise gleich im Anschluss die Moodle Checkliste an.

Oder bringen Sie gleich mit der Power Point Checkliste Ihre Folien auf das nächste Level.

Testen

Im vierten und letzten Bereich „Testen“ könnte man nun eigene Moodle- und ILIAS-Kurse individuell auf Barrierefreiheit überprüfen. Allerdings ist hierfür die Anmeldung mit einer E-Mail-Adresse der Uni Bielefeld erforderlich. Lehrpersonal der HWR Berlin kann diesen Bereich zurzeit leider nicht nutzen.

In dem Handbuch „Wie funktioniert DACHS?“, welches unten auf der Website zu finden ist, kann man sich dennoch mit der Funktionsweise des Test-Bereiches vertraut machen. Letztendlich können die LMS-Kurse entweder manuell oder via Plugin in das Test-System geladen und auf Barrierefreiheit überprüft werden. Vieles bewertet das System bereits automatisch, andere Aspekte müssen schließlich menschlich abgeschätzt werden. Die Testergebnisse werden dann in Berichten festgehalten und das System vergibt Scores von 0% bis 100% für die jeweiligen Seiten, Kurse und Nutzer*innen.

Die Universität Bielefeld arbeitet derzeit daran den Quellcode des DACHS Portals bis Ende des Jahres offen zu legen. Diesen werden wir im E-Learning Zentrum anschließend genau untersuchen. Unter Anbetracht aller technischer und rechtlicher Umstände werden wir uns dann über eine mögliche Integration in unser HWR-Berlin-System beraten. Es bleibt abzuwarten.

Zusammengefasst:

Selbst ohne den Testbereich ist DACHS ein sehr nützliches Tool, das die barrierefreie Gestaltung digitaler Lehre sowie die Sensibilisierung für Beeinträchtigungen im alltäglichen Miteinander so einfach macht wie noch nie. Ressourcen wie Definitionen, Erfahrungsberichte, Checklisten und Simulationen, die sonst eher verstreut im Web zu finden sind, wurden hier in einem angenehmen und zuverlässigen Format gebündelt. Wer sich also weiterbilden und die eigenen Materialien auf das nächste Level bringen möchte, hat in DACHS eine sehr gute Anlaufstelle gefunden.

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